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Genre
Minimal Musik
Erschienen am
17.04.2020
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Von dem italienischen Schriftsteller Umberto Eco stammt der Satz „Einsamkeit ist eine Art von Freiheit“. Eine Aussage, die auch zu SOL, dem neuesten Album von Pascal Schumacher, passt. Der Vibrafonist und Komponist hatte sich durch eine Vielzahl von Gemeinschaftsprojekten mit so unterschiedlichen Ensembles wie Quartette und Sinfonieorchester einen Namen gemacht, eher er kürzlich für sich entdeckte, wie befreiend und sinnvoll ein Soloprojekt sein kann: „Beim Alleinsein habe ich so viel über mich selbst gelernt – mehr als ich mir je hätte vorstellen können“, sagt er.

Bei Schumachers Beziehung zu seinem Instrument, dem Vibrafon, war es – wie so oft im Leben –Liebe auf den ersten Blick. „Beim Schlagzeugunterricht in meiner Kindheit war da dieses golden glitzernde Instrument. Ich konnte nicht anders als darauf zu spielen, sobald mein Lehrer den Raum verließ“, erinnert er sich. Diese Faszination kennen wohl alle, die mit dem Vibrafon vertraut sind. Seine strahlend glänzenden Platten und stufenförmig angeordneten Röhren, die beim Anschlag mit dem Schlägel metallisch und zugleich weich und geradezu ätherisch klingen. Besonders gut kommt das in Amarcord, dem ersten Stück von SOL, zur Geltung – ein einminütiges Prickeln und Bimmeln als Einstieg und Einführung in den Rest des Albums, derart sanft und intim, dass es sich fast wie eine Verführung anfühlt. „Dieser Klang – für mich hatte er schon immer eine magische Wirkung“, bemerkt Schumacher.

Intimität aufzubauen ist freilich nicht einfach. Wie bei den meisten Perkussionsinstrumenten, bei denen Schlägel oder Stöcke zwischen Musiker und Instrument vermitteln, gibt es eine Distanz. „Es ist ein ziemlicher Prozess, eins mit dem Vibrafon zu werden. Ich war immer neidisch auf die Cellisten, die ihr Instrument in ihren Armen halten, es fühlen und geradezu umarmen“, sagt Schumacher. „Beim Vibrafon ist das Verhältnis zunächst ein sehr distanziertes. Die Herausforderung besteht darin, mit seinem Instrument eins zu werden.“

Eine Herausforderung, der sich Schumacher in den darauffolgenden Jahrzehnten gestellt hat. Seine Beziehung zum Vibrafon hat sich weiterentwickelt, gewandelt und gefestigt – von Album zu Album und von Band zu Band, auf Festivalbühnen zwischen Kopenhagen und Tokio. Schumacher hat mit seinem Instrument in den Improvisationen bewegter Jazzriffs gerungen und sich mit ihm in den Liebkosungen klassischer Kammermusik versöhnt. Und in all dem Tumult gab es immer auch diesen Moment der Entzückung, diesen Moment der Einsamkeit, wenn es nur ihn gab und sein Vibrafon. „In diesen Momenten kannst du vollkommen kreativ sein, alles ist erlaubt, du musst dich an nichts halten, das du geplant oder geprobt hast … Diese Momente gehörten immer zu meinen liebsten.“ Kein Zurück mehr gab es, als Schumacher 2018 eingeladen wurde, bei einem Festival in Salzburg erstmals solo aufzutreten. „Während dieser Konzerte habe ich mich freier gefühlt als je zuvor, und es hat mir so viel Spaß gemacht. Mit dem Publikum ist auch etwas ganz besonderes passiert, die Leute tauchten noch tiefer in die Musik ein und wurden von ihr noch stärker absorbiert. Ich hatte so etwas noch nie erlebt“, erzählt er.

Seine alte Band zu verlassen fiel Schumacher nicht leicht, doch es gab keine Alternative. „Als ich aus Salzburg nach Hause zurückkehrte, war ich verliebt. Es kam mir wie Fremdgehen vor, weil ich ja noch mein altes Projekt hatte und es Pläne gab, ein neues Album aufzunehmen”, bekennt er. Das Gefühl war zu stark, um es auszublenden. Er musste einfach Solokünstler werden.

SOL ist zum einen von Schumachers neugewonnener Leidenschaft für die Einsamkeit mit all ihrer Anziehungskraft geprägt, zum anderen von jener wichtigsten Eigenschaft von Beziehungen überhaupt: Intimität. Das Stück Melancolia etwa vermittelt eine einzigartige Isolation, die ebenso traurig ist wie schön. Twinkle bringt ein zutiefst persönliches Gefühl von Erleuchtung zum Ausdruck. Sogar Tearjerker, eine Coverversion des berühmten Songs von Sakamoto, gerät in Schumachers Interpretation so intim, dass man sich vorstellen könnte, er hätte das Stück selbst geschrieben. „Wenn du solo spielst, wirst du wirklich mit dir selbst konfrontiert. Mit deinen starken Momenten ebenso wie mit deinen schwachen, die nicht unbedingt deine schlechtesten Momente sein müssen. Gerade diese Zerbrechlichkeit hat mitunter etwas sehr Schönes. Nicht selten entstehen aus ihr magische Dinge“, sagt er und stellt fest: „Solo zu spielen ist schon eine intensive Sache.“

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17.04.2020

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