Künstler
Informationen
Genre
Electronica
Erschienen am
09.10.2020
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Die in Potsdam ansässigen Brüder Sebastian und Daniel Selke haben sich in ihrer gesamten Karriere immer wieder mit Themen ihres kommunistisch geprägten ostdeutschen Erbes befasst. Die durch ihre Musik geretteten Erinnerungen sind bei weitem nicht nur historischer, sondern vor allem emotionaler Natur. Es ist eine Rückbesinnung auf ihre Vergangenheit: die Kindheit und Jugend im Ostberlin des letzten Jahrzehnts der DDR und der Nachwendezeit. Im Kern kann die Musik des Duos wie ein Dialog zwischen Brüdern über ihre Erziehung und ihre Erfahrungen gehört werden, ein Gespräch, das durch Sebastians Cello und Daniels Klavier Form erlangt und sich im gemeinsamen Spiel zu CEEYS vereint.

Der inhärente Dualismus beschränkt sich dabei nicht nur auf die Art, in der die beiden Musiker ihre Instrumente miteinander verbinden. Parallel zu ihrer klassischen Ausbildung entwickelten die Brüder schon früh ein Interesse an zeitgenössischen Ideen von Musik. Dieses Verständnis hat sich in ihrer Zusammenarbeit zu einem kontinuierlichen Narrativ über ihr Aufwachsen in der DDR sowie die architektonische und gesellschaftliche Umgebung, die sie als Musiker und Persönlichkeiten geprägt hat, gefestigt. „Unsere Kindheit und Jugend wurde tagtäglich von Einschränkungen und dem Umgang mit Materialmangel begleitet. Die Erinnerungen, Eindrücke und Gefühle, die zwei Seiten der Medaille – der Mauer – helfen uns dabei, die heutige Zeit ein bisschen besser zu verstehen“, erklären CEEYS.

Nun ist ein direktes Nachfolgewerk zu den Alben WÆNDE und HIDDENSEE erschienen, die ebenfalls bei Neue Meister veröffentlicht wurden: HAUSMUSIK spielt auf die unausgesprochene, kommunikative geistige Einheit der Brüder an. „Wir müssen uns nichts vormachen, schließlich kennen wir uns seit der Geburt“, sagt Daniel. „Es gibt keine Grenze zwischen Arbeit und Privatleben. Bei uns ist alles im Fluss“, fügt Sebastian hinzu.

Das Album hebt ihren unverkennbaren Stil auf eine weitere Ebene. Verwenden sie für gewöhnlich Elektronisches, Synthesiser aus dem ehemaligen Ostblock und Effekte, so formt sich ihr Klang diesmal aus dem innewohnenden Potential, ihrer beiden Hauptinstrumente Cello und Klavier. Vice Versa, der erste Titel des Albums, zieht die HörerInnen in eine rein akustische Klangwelt. Es ist von Anfang an klar, dass Improvisation auf dem Album eine wesentliche Rolle spielt: Das Stück versetzt die HörerInnen Schritt für Schritt in eine leicht spielerische Stimmung, wobei diese jugend-liche Leichtigkeit noch dadurch unterstrichen wird, dass die Brüder für diesen Titel die Instrumente tauschten. Im Laufe des Albums erhalten verschie-dene Gefühle Ausdruck, doch die Emotionalität erhält immer einen kraftvollen Ausgleich, sodass eine melodische Balance entsteht. Der Titel Reunion ist mit seinen Strukturen und sich wieder-holenden Pattern ein Beleg dafür, dass CEEYS für einen experimentellen und doch zugänglichen Minimalismus stehen. Er vermittelt eine tiefe Sehnsucht, die im Einklang mit dem bisherigen Werk des Duos steht, und ist das sentimentalste Stück auf dem Album. Wenn wir Belka, den letzten Titel der ersten von zwei Platten, erreichen, sind wir bereits tief in neuen, avantgardistischen Gefilden versunken und tauchen mit Teil 2 noch tiefer in akustische Landschaften und Erinnerungen der Brüder. Lose Melodien verweben sich zu alternativen Formen von Perkussion und Rhythmen und präsentieren die hundertjährigen Instrumente auf futuristische Art und Weise.

HAUSMUSIK sucht Zuflucht in einer rein akusti-schen Welt und präsentiert eine ernste und doch leicht dynamische Stimmung. Die Kompositionen muten zum Teil bekannt an, setzen sich aber gleichzeitig auf erfrischende Weise ab und spiegeln die Myriaden von Klängen, die Sebastian und Daniel in ihrem Leben aufgenommen haben. Frühe Einflüsse wie Bach, Beethoven und Debussy sind hier genauso herauszuhören wie die fast verges-senen Kompositionen von ostdeutschen Musik-gruppen wie Toni Krahls Rockband CITY, Frank Fehses Synthesiserduo KEY und Reinhard Lakomys Das Geheime Leben und seine Kinderlieder auf Der Traumzauberbaum. Es gibt auch Anklänge von Arvo Pärt, Arthur Russell und Philip Glass sowie von zeitgenössischen KomponistInnen wie Greg Haines, Hauschka, Nils Frahm, Colin Stetson und Sarah Neufeld.

Der kreative Prozess der Selkes liegt in der Neuentdeckung der Vergangenheit. Dies formt ihre heutige Weltsicht – eine Renaissance vermeintlich gelöster Konflikte, die in neuem Gewand daher-kommen: neue Grenzen und Mauern, ein Wieder-aufleben des Kalten Krieges, Abwendung von Freunden, Diskriminierung von Dissidenten, neue Formen der Tyrannei. Doch trotz aller historischen Schwierigkeiten und Herausforderungen war die Kindheit ein Ort und eine Zeit mit spiritueller Bedeutung für die Brüder Selke. Zentrales Element von HAUSMUSIK mit all seinen inhärenten Spannungen ist die Suche nach Balance und Harmonie.

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Electronica
Erschienen am
09.10.2020

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