Künstler
with musicians of the tonhalle orchester zürich
Informationen
Genre
Neoklassik
Erschienen am
03.09.2020
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Die majestätische Größe der Natur spielte schon immer eine wesentliche Rolle in der Musik Sebastian Mullaerts. Im Mittelpunkt seiner künstlerischen Herangehensweise – wie der dem Leben gegenüber – steht das Meditieren über die ursprünglichen Zyklen und Kräfte der Natur. Diese erlebt er in seiner Wahlheimat, dem südschwedischen Dorf Röstånga, geradezu im Überfluss. Das Dorf liegt am Rande des Nationalparks Söderåsen, einem Gebiet von beeindruckender Schönheit mit unberührten Wäldern, tiefen Schluchten und riesigen Felsbrocken aus der letzten Eiszeit, die der Landschaft etwas geradezu Verzaubertes und Jenseitiges verleihen.

Ein ganz besonderer Ort diente als Inspiration für Mullaerts neuestes Projekt und kommendes Album. Die auf einem fünfzig Meter hohen Grat liegende Klippe Natthall bietet eine überwältigende Aussicht ostwärts auf den Fluss Rönne å, auf Felder und Wälder. An diesen Ort kehrt Sebastian Mullaert immer wieder zurück, um zu meditieren, nachzudenken oder einfach in aller Gelassenheit den Blick über die abwechslungsreiche Landschaft schweifen zu lassen. Es ist diese spontane Transformation in der Natur, die den emotionalen Kern von Natthall bildet – einem Projekt, das so viel mehr ist als einfach nur ein Album oder eine Konzertreihe. Diese Musik, diese Stücke sind lebendig, sie entwickeln sich ständig weiter und ändern ihre Gestalt. Sie sind damit wie Spiegelungen der Natur und auch unserer selbst. Dinge verändern sich, wachsen, sterben. „Das ist unsere Essenz“, sagt Mullaert. „Wir sind die Früchte von Mustern. Es ist wunderbar, Musik zu machen, die diese Dinge reflektiert. Ich empfinde das als sehr wohltuend.“

Mullaert, der zunächst eine klassische Ausbildung an der Geige genossen hatte, erlebte Mitte der Neunzigerjahre seinen Durchbruch als international gefeierter House- und Techno-Produzent und Live-Performer. Zu den Karrierehighlights des in der alternativen Musikszene Schwedens verorteten Künstlers zählen die Auszeichnung P3 Guld– ein „schwedischer Grammy“ – aus dem Jahr 2007 (für seine Arbeit als Teil des Duos Minilogue) und eine Nominierung für den gleichen Preis im Jahr 2017, diesmal als Solokünstler. Seinen Ruf als Vordenker und Innovator der elektronischen Musik des 21. Jahrhunderts konnte er mit Circle of Live (2018) untermauern, einem bahnbrechenden, improvisierten Livekonzept, das eine Reihe der außergewöhnlichsten Elektronikmusiker an einigen der prestigeträchtigsten Auftrittsorte und Festivals weltweit in frei fließenden Live-Jamsessions zusammenbringt.

Aus dem Wunsch heraus, die beiden musikalischen Welten zu vereinigen, die ihm selbst so viel gegeben haben, komponierte er Musik, die er 2017 zusammen mit Musikern des Tonhalle-Orchesters Zürich, einem der besten Symphonieorchester Europas, in einer eindringlichen audiovisuellen Performance im Rahmen der Reihe tonhalleLATE in der spektakulären Züricher Tonhalle zur Aufführung brachte. Obwohl das Event schon für sich ein Riesenerfolg war, wollte Mullaert mehr aus dem Repertoire machen und die Grenzen dessen, was auf der Bühne möglich sein könnte, weiter ausdehnen. „Liveinstrumente haben eine enorme organische Kraft“, sagt er. „Ich habe im Studio eine spezielle Arbeitsweise, wie ich Dinge loope und aufnehme, mit all den Effekten und Soundscapes. Und ich wollte wissen, ob sich dieser ganze Prozess nicht auch auf die Bühne holen lässt. Das, was die Musiker live spielen, wird erfasst, und die ganze Post-Production findet gleichzeitig statt, während sie spielen.“

Die Originalmusik – die Stücke, die für die erste Aufführung geschrieben und aufgenommen wurden und die auf dem Album zu hören sein werden – wird, wie Mullaert sagt, „als Ausgangspunkt“ für Natthall dienen, als Rahmen für ein breiteres Spektrum an Material und Stimmungen. Mithilfe einer speziellen Prototypentechnik wird Mullaert die Rolle des figurativen digitalen Dirigenten einnehmen und die Improvisation im Kern der Darbietungen eines aus fünf weiteren Musikern bestehenden Kammerensembles integrieren.

 

Die Musiker, die unter dem Namen Subchamber Ensemble auftreten, waren in der ersten Phase des Projekts nicht involviert. Gerade dieser Umstand, hofft Mullaert, wird das Werk um zusätzliche Perspektiven und Flexibilität bereichern. Die Solisten erhalten über iPad-Bildschirme dynamisch erstellte Partituren von seinem Computer, während er über die Themen seiner Kompositionen improvisiert. Dabei wird er die Audiosignale der einzelnen Musiker wiederum durch sein spezielles Live-Rig zurückführen und kreativ bearbeiten und so eine nahtlose Mixtur aus elektronischen und akustischen Strukturen entstehen lassen.

 

Von subtilen Wiederholungen geprägte Strukturen und Muster durchdringen Natthall. „Die Natur drückt sich in Mustern aus: Bäume, Wasser, das Wetter“, erklärt Mullaert. „Dieser brodelnde Mix aus allem fühlt sich sehr vital an. Die gleiche Kraft geht von improvisierter Musik aus. Auch sie hat all diese verschiedenen Phasen, und es entspringen ihr besondere Momente. Für mich ist das ein sehr schöner Ausdruck unseres Lebens. Er besitzt die Kraft, Menschen dazu einzuladen, sich dem Zuhören oder Tanzen hinzugeben. Oder einfach dazu, in dem Moment zu verweilen.“ Räume für genau diese transzendenten Momente zu schaffen, die über die bloße Musik hinausgehen und in denen die Zuhörer sich nach innen kehren und mit sich selbst in Verbindung treten können – darin besteht für Mullaert das höchste Ziel. „Das Magische ist nicht die Musik an sich und auch nicht der Künstler, sondern wenn durch diese Erfahrung bei den Menschen ein starkes Bewusstsein, eine besondere Präsenz entsteht. Das ist die Magie. Sie ist genauso sehr wir selbst wie etwas außerhalb unserer selbst. Es geht um diese Verbindung, wenn beides ineinandergreift.“

 

Es ist nicht schwer, sich in der Musik von Natthall mit ihren üppig warmen Synthesizer-Klängen und weiten Soundscapes zu verlieren. Dabei fällt immer wieder auf, wie organisch das alles klingt. Das sanft-elegische ‚As The River Pass‘, die traurigen Streicher in ‚Living Invitation‘ und das fröhliche ‚Ascending Of A Spotless Bird‘ – ein Stück wie ein herrlicher Sonnenuntergang im Frühling. In ‚No Words For A Beautiful World‘ kommt Mullaert seinen Technostücken wohl am nächsten, mit stechenden Synthesizerklängen, die an einen Beat erinnern, doch sind es die stillsten Momente auf Natthall, die einen besonders berühren; wie die ergreifend schwermütigen Stücke ‚Undressing The Sky‘ und ‚Rest Of The Heron‘. Mit letzterem endet das Album – oder entschwindet geradezu ins Nichts, wie der Tag in die Nacht.

 

„Der kreative Prozess ist etwas Flüchtiges“, sagt Mullaert. „Du kannst nicht bestimmen, was du tun wirst.“ In der Auseinandersetzung mit Vorurteilen darüber, was klassische Musik erreichen kann, hat er Musik von einer rauen Schönheit geschaffen, die ebenso tief wie einzigartig ist. Er hat die intensive spirituelle Energie von Natthall in musikalische Kunstwerke gegossen, die uns der Natur – und damit letztlich auch uns selbst – näher bringen. „Es ist etwas Wundervolles, wenn sich Kompositionen richtig anfühlen“, erklärt Mullaert. „Dieser Segen widerfährt nicht jedem Künstler.“ Natthall fühlt sich an wie ein Abendmahl – eines, an dem wir alle unbedingt teilhaben sollten.

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Neoklassik
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03.09.2020

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