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Schließ die Augen. Versetz dich zurück in deine Kindheit. Zurück in den Moment des Einschlafens. Was hörst du? Erinnerst du dich? Wahrscheinlich handelt es sich dabei um ein Schlaflied.

  

Damian Marhulets' Interesse an dieser musikalischen Form rührt von der Geburt seiner Tochter her – einem Moment, von dem er immer wusste, dass er ihn eines Tages erleben würde. "Seit meiner Teenager-Zeit hatte ich so eine Art Vorahnung, eine Gewissheit, dass ich eines Tages Vater einer Tochter sein würde… Ich wusste einfach, dass es so kommen würde", erklärt er. Und dennoch: Als der Moment dann tatsächlich eintrat, veränderte dieser ihn tiefgreifend, auch musikalisch, auf eine Art und Weise, die er sich nie hätte vorstellen können.

"Wir fanden einige Schlaflieder auf YouTube, und es war interessant, Musik zu entdecken, die man stunden- oder tagelang einfach laufen lassen konnte. Dabei wurde mir klar, dass manche Musikstücke für meine Tochter und für meine Beziehung zu ihr unheimlich wichtig sind. Aber keine Einschlaflieder, sondern Lieder, die ihr beim Aufwachen helfen. Das brachte mich dazu, über das Konzept 'Schlaflied' nachzudenken. Ein Schlaflied ist ein Lied an der Schwelle zwischen Schlaf und Wachsein, ein Lied, das einem hinüberhilft auf die andere Seite des Bewusstseins." Und so war das Samenkorn für dieses träumerische, einnehmende neue Album Lilith's Lullabies gesät.

Marhulets wurde in Minsk in Weißrussland geboren und war seit seiner frühesten Kindheit von Musik umgeben. Ermutigt von seinem Vater – sein erster Lehrer und sein Vorbild – wuchs er zu einem ausgezeichneten Oboisten und Klavierspieler heran. Im Alter von fünf Jahren gab er sein erstes Konzert; nur ein Jahr später wurde er am renommierten Musikgymnasium für hochbegabte Kinder in Minsk angenommen und spielte und tourte mit einigen der berühmtesten Orchester des Landes. Dennoch blieb eine gewisse Rastlosigkeit in ihm: Er hatte seine Jugendjahre hauptsächlich der traditionell-klassischen Musik gewidmet und darin noch nicht seine kreative Erfüllung gefunden.

"Wie viele Oboisten kennst du?", scherzt er. "Eben – es gibt so gut wie keine, und ich hatte mit 18 schon so ziemlich alles gespielt, was es zu spielen gab. Ich hatte noch so viel vor, und mit meinem Instrument war das nicht möglich. Ich wollte mich öffnen. Man kann auf so unterschiedliche und vielfältige Weise Musik machen, und mit der Oboe ging das einfach nicht." Also gab er sein Instrument, bis dahin Mittelpunkt seines Lebens, auf und zog im Jahr 2000 nach Deutschland, wo er sich in die Komposition stürzte und ganz mit der Unterground-Szene für experimentelle Musik verschmolz.

Diese Reise hält bis heute für ihn an. Mit ungetrübter Neugier und permanent dazulernend spannt er die Brücke zwischen der neo-klassischen und der zeitgenössischen Welt und schöpft aus seinem Erfahrungsreichtum, um eine reichhaltige und detaillierte Musik zu erschaffen.

"Früher gab es keine Verbindung zwischen meinem persönlichen Leben und meiner Musik", erklärt Marhulets. "Aber das änderte sich vor zwei Jahren, und ich brauchte eine Möglichkeit, das auszudrücken." Die Veränderung bestand darin, dass er Vater wurde und heiratete. Letzeres war dabei etwas, für das er sich früher "nie interessiert hatte. Ich wollte Musiker sein, Künstler, ich wollte frei sein. Und wer wirklich Kunst machen will, für den sind Wurzeln das Verderben." Dennoch wagte er den Schritt, und mit der Geburt seiner Tochter und dem frühen Tod seines Vaters kam es in zu "einer ganzen Reihe von sehr persönlichen und emotionalen Erlebnissen". Genau diese Erfahrungen waren es, die er in neue Musik mit einfließen ließ, in neue Songs, die schließlich das Herz von Lilith’s Lullabies formen würden.

In der jüdischen Mythologie ist Lilith die Mutter aller Dämonen, Kindsmörderin und wollüstiges Weib, das in der Nacht umherstreift. Gleichzeitig wurde sie aber auch zur wichtigen sozialen und politischen Symbolfigur des radikalen Feminismus in den 1960er-Jahren und zum Sinnbild der befreiten und machtvollen Weiblichkeit. Diese gegensätzlichen Bedeutungen und die Entwicklungen solch eines Symbols über die Zeit hinweg wollte Marhulets untersuchen und stieß dabei auf eine sprachlichen Merkwürdigkeit, die ihn dazu trieb, eine Reihe von Songs ihr zu Ehren zu schreiben.

"Es gibt eine Theorie, nach der das Wort 'lullaby' [Schlaflied, Anm. d. Ü.] vom hebräischen Wort 'Lilith-abi' stammt, das sich wörtlich als "Geh weg, Lilith!" übersetzen lässt. Ein Schlaflied war also ein Lied, das Kinder vor diesem weiblichen Dämon beschützen sollte. Ich stellte mir Lilith als ein junges Mädchen vor, und wie es für sie selbst keine Schlaflieder gab, weil sie ja alle nur dazu dienten, sie abzuwehren. Ich wollte Schlaflieder für sie schreiben."

Lilith’s Lullabies ist auch ein zutiefst persönliches Werk, beeinflusst durch die eigenen Erfahrungen Marhulets' mit der weiblichen Seite der Welt. "Drei Frauen haben mich zu dem gemacht, was ich bin: meine Mutter, meine Lebensgefährtin seit fast zwanzig Jahren, Marina, und meine Tochter. Sie haben eine ungeheuer wichtige Rolle bei der Entstehung dieses Albums gespielt."

Zugleich liegt ihm viel daran, auf den aktuellen Kampf für Gleichberechtigung hinzuweisen. "Wenn du mich fragst, würde ich sagen, ja, es ist politisch. Es ist das erste politische Album, das ich in meinem Leben geschrieben habe."

Und so machte Marhulets sich an die Arbeit. Eher inspiriert von Ideen und Konzepten – "Klänge sind nie eine Inspiration für mich", erklärt er –, nähert er sich der Musik auf eine philosophische Art und Weise und verwebt seine Geschichten und Erzählungen tief in seinen Songs. Trotz der ihm durchaus bewussten Komplexität seines Quellenmaterials gelingt es ihm dabei, sich eine gewisse Einfachheit zu bewahren und die Songs nicht mit schwülstigen Details zu überladen.

"Ich habe einfachere Melodien verwendet, und Harmonien und Rhythmen, die von Natur aus weniger kompliziert sind, um so eine bessere Erzählstruktur zu erzielen. Die tiefere Bedeutung des Albums erschließt sich eher auf der Ebene des Sounddesigns. Der Hörer soll Lust bekommen, die Musik einfach nur zu genießen. Aber wer will, kann eben auch tiefer graben und selber Dinge darin für sich entdecken."

Oberflächlich betrachtet trifft das durchaus zu, denn zu genießen gibt es viel auf Lilith’s Lullabies: die verspielte Unschuld von "While You Were Asleep", die orientalische Atmosphäre von "Chrysalis", die zerbrechliche Schönheit von "Evening Dew". Die wahre Kraft des Albums aber kommt erst dann richtig zum Vorschein, wenn man die Oberfläche durchbricht und tief in die Musik eintaucht. Dort trifft man auf Stimmen, die als perkussive Klänge getarnt sind, auf echte Streicher, die mit Samples verschmelzen… Dann entdeckt man, dass hier nichts ist, wie es scheint. Manche Songs flattern und zappeln nervös daher wie aufgescheuchte, ängstliche Tierchen. Andere wiederum geben einem das Gefühl, man schwebe schwerelos durch einen psychodelischen Farbentraum. Diese Dualität ist durchaus gewollt und spiegelt genau die zwei Seiten wieder, die auch Lilith selbst darstellte.

Marhulets versteht es ganz ausgezeichnet, verschiedene Elemente nebeneinanderzustellen und gänzlich ungleiche Sounds miteinander zu verschmelzen, die „nicht zusammengehören, weil sie aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Musikkulturen stammen, wie zum Beispiel Streicher-Arrangements zusammen mit Synthesizern aus den 80ern." So tauchen also Gitarren-Riffs unter eleganten Harfenklängen hervor ("First Steps"), reichen sich melancholische Holzblasinstrumente und ein Fender Rhodes die Hand ("Chrysalis") und werden simple Klaviermotive von einer treibenden perkussiven Rhythmik getragen ("Lunar Playground").

Aber all diese Elemente sind inspirierend und transformierend und nehmen den Hörer mit auf eine intensive Reise zur Erkundung der "anderen Seite des Bewusstseins". Bei einigen Stücken handelt es sich tatsächlich um Lullabies, Schlaflieder, um wunderschön sanft dahinfließende Oden, die die Gedanken umschmeicheln und die Sinne beruhigen. Andere wiederum strahlen eine helle Kraft und Energie aus, der man sich unmöglich entziehen kann. Zusammen machen sie Lilith’s Lullabies zu einem Hörerlebnis, dem man sich aufmerksam und nachdenklich hingibt – ein neues Kapitel im Aufstieg eines der talentiertesten zeitgenössischen Komponisten unserer Gegenwart.

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