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Genre
Zeitgenössische Klassik
Erschienen am
12.11.2021
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Marina Baranova weiß das ein oder andere über das Herbeizaubern fantastischer Welten zu berichten. Angefangen in ihrer Kindheit, als sie mit ihren aufgeschlagenen Märchenbüchern am Klavier saß, um die Bilder, die sie sah, in Klangwelten zu übersetzen, bis hin zu ihrem 2018 erschienen Album 'Unfolding Debussy', auf dem sie sich eine dunklere Seite Debussys vorgestellt hat, denn die Fantasie des ukrainischen Komponisten und Pianisten nimmt seit jeher eine aktive Rolle in der Musik, die sie spielt, ein. Für ihre jüngste Veröffentlichung, 'Atlas of Imaginary Places', überließ sie ihrer Vorstellungskraft nun sogar ganz das Ruder. Dafür arbeitete Baranova mit Dänemarks bildendem Künstler Christian Gundtoft und dem ukrainischen Schriftsteller Volodymyr Kompaniets zusammen, um mehr als nur ein Album zu konzipieren. „Ich wollte dieses alternative Hörerlebnis schaffen“, erklärt sie, „unterschätze niemals die Kraft des Vorstellungsvermögens, gerade jetzt mehr denn je ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass dieser Schatz in uns wohnt.“

 

Anders als beim Konzerterlebnis, bei dem die Verbindung zwischen Künstler und Publikum mit der letzten Note endet, lässt 'Atlas of Imaginary Places' länger anhaltende Konversationen zu. Mit Hilfe einer speziell gestalteten Webseite entwarfen die drei KünstlerInnen eine komplette neue Welt, die Besucher mit Hilfe ihrer Sinne erkunden können: Visuals, Storytelling und Klang. „Natürlich wird die Musik auch auf Streaming-Plattformen stattfinden, aber das ist in erster Linie eine Plattform, auf der man tiefer in die Landkarte eintauchen kann, die wir geschaffen haben. Man kann sich reinzoomen und wieder heraus, hören, lesen und diesen fantastischen Ort langsam erkunden“, erklärt Baranova. „Ich möchte, dass die Menschen dieses komplette Universum selbst für sich entfalten.“

 

Für das Projekt arbeiteten Christian Gundtoft und Volodymyr Kompaniets unabhängig voneinander,  sie hatten lediglich Baranovas unbetitelte Musik als Ausgangspunkt für ihre eigenen Kreationen. „Ich wollte nicht, dass ihre eigene Vorstellungskraft und Konzeption von irgendetwas beeinflusst wird“, erklärt die Pianistin. Die 17 Tracks auf dem Album beinhalteten dennoch genug Material für die Künstler, um sich zu vertiefen, Baranovas Musik ist seither bekannt für ihre lebhafte Bildsprache, die sofort intensive Bilder, Gefühle und Erzählstränge hervorruft - die Pianistin erzählte in der Vergangenheit, dass sie Klänge als Farben sieht (eine Form der Synästhesie). „Opale Kuppeln, die hell in der Abendsonne glänzen“ oder „grünes Meer, das sich von Horizont zu Horizont erstreckt“ oder „Rohrzucker-Blätter, scharf wie die Pfeile eines Zentauren“ - sind nur einige der bildstarken Beschreibungen, die von Volodymyr Kompaniets zusammengeschnürt wurden und durch Baranovas Musik inspiriert sind.

 

Wie flüchtige Blicke auf ein unbekanntes Schärenmeer durch dicke Nebelschwaden bietet Baranovas Klangwelt eine spektakuläre Kulisse, die sich langsam vor dem Auge des Betrachters entfaltet. Der Eröffnungssong 'Leviathan Town' drückt die Beklemmung aus, die man beim Eintritt in dieses unbekannte Gewässer verspüren mag, „ich komponierte dieses Stück während des ersten Lockdowns, zu der Zeit als niemand wusste, mich eingeschlossen, was vor sich ging. Ich habe versucht, dieses fremde und verwirrende Gefühl in dem Stück zum Ausdruck zu bringen“, sagt Baranova. Es ist eine mysteriöse Reise, die durch Momente der Helligkeit und Finsternis führt, bevor sie wieder von Rätselhaftigkeit überschattet wird. Mit dem Kontrast zwischen zarten Melodien und düsteren Klängen spielt Baranova das gesamte Album hindurch, wodurch die Musik von Anfang bis Ende unvorhersehbar wird. Um das flatterhafte Gefühl hinzuzufügen, wechselt sie häufig vom strukturierten klassischen Klavierspiel hin zu frei fließendem Jazz. „Meine Eltern sind beide Musiker, meine Mutter klassische Musikerin, mein Vater Jazzpianist, dadurch hatte ich immer alles unter einem Dach“, erklärt Baranova. „Canopy of Heaven“ unterstreicht noch, wie wohl sich Baranova im Hin- und Herpendeln zwischen den beiden Genres fühlt, über einem romantischen Bett aus Akkorden und Arrangements inspiriert durch Mendelssohns 'Lieder ohne Worte' flattert die Melodie - entliehen dem Jazzstandard 'This Masquerade' aus dem 20. Jahrhundert - frei: „diese beiden Stücke schienen zusammenzugehören, beide passen in die Welt Venezianischer Gondeln und Maskenbälle“, sagt Baranova. Mit 200 Jahre überspannenden Einflüssen gelingt es Baranova ein beeindruckendes Stück zu schaffen, das sich wie eine Meditation über Vertrautheit und Fremde anfühlt.

 

'Atlas of Imaginary Places' beweist, das unsere Vorstellungskraft tatsächlich ein Portal ist und darüber hinaus Orte existieren, die von allen besucht und geteilt werden können. Die Intimität und Synchronizität zwischen dem Künstlertrio während des Erschaffens von 'Atlas of Imaginary Places' erweckt das Bild einer „geteilten Insel“, ein magischer Raum, in den Baranova nun andere zum Erkunden einlädt. Es ist keine gradlinige Reise, sondern skizziert einen Raum außerhalb der Zeit, der auf unendlich viele Arten erforscht werden kann. Beim ersten Hören mag man die Weite der gemalten Landschaften wertschätzen und bei einem weiteren über die Tiefe seiner minutiösen Details nachsinnen. Die Musik ist weiträumig und tief zugleich, und durch das Vertiefen in einen beliebigen Song auf dem Album, auf eine der möglichen Inseln, bleiben die Zuhörer mit einem Gefühl zurück, dass es immer noch mehr gibt, nach dem es Ausschau zu halten gilt und so wird ihre eigene Erkundung zu einem aktiven Teil der Hörerfahrung. Im Mittelpunkt des Albums steht das Stück 'Constellation Machine', in dem die Musik den Zuhörer direkt zu untersuchen scheint. Mit seinen trägen melodiösen Wiederholungen und dem Zögern wirft die Musik die Frage auf: „Wohin von hier aus?“. Für Baranova hat sich definitiv etwas im Prozess des Voranschreitens verändert: „Für mich ist das der Moment der Transformation. Solche Verwandlungen sind nicht so leicht für uns, aber sehr wichtig!“

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